Neugestalteter Erinnerungsort für das ehemalige KZ Oranienburg eingeweiht
Ein großes Zeichen gegen das Vergessen: In der Berliner Straße wurde der neu gestaltete Erinnerungsort für das ehemalige KZ Oranienburg feierlich eingeweiht. Wo heute ein Ort des Gedenkens und der Information entstanden ist, wurden vor mehr als 90 Jahren Tausende Menschen vom NS-Regime inhaftiert. Die Neugestaltung macht dieses dunkle Kapitel der Stadtgeschichte nun dauerhaft sichtbar.
Aus einem historischen Mauerrest ist ein Ort des Gedenkens und der Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus geworden: Der neugestaltete Erinnerungsort für das KZ Oranienburg an der Berliner Straße wurde heute feierlich eingeweiht. Mit einer Open-Air-Ausstellung, einem Gedenkbereich für die Opfer sowie für den im KZ Oranienburg ermordeten Schriftsteller Erich Mühsam und weiteren Informationselementen macht der Erinnerungsort die Topografie und die Geschichte des ehemaligen Konzentrationslagers mitten im Stadtgebiet sichtbar.
Würdevolles Programm
Die feierliche Einweihung begann mit einer musikalischen Einstimmung durch den Sänger und Musiker Paul Geigerzähler und der Begrüßung durch Bürgermeisterin Jennifer Collin-Feeder. Im Anschluss richteten Ministerpräsident Dr. Dietmar Woidke, Sabine Poschmann, Parlamentarische Staatssekretärin bei der Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen, Prof. Dr. Axel Drecoll, Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, sowie Prof. Dr. Heike Wagner, Präsidentin der Hochschule der Polizei des Landes Brandenburg, Grußworte an die Anwesenden. Ein gemeinsames Kranzniederlegen durch die Vertreterinnen und Vertreter von Stadt, Land, Bund und Gedenkstätte sowie eine Schweigeminute bildeten den würdevollen Rahmen des Gedenkens an die Opfer des ehemaligen Konzentrationslagers. Ein weiteres Musikstück schloss den offiziellen Teil der Einweihungsfeier ab.
Gemeinsames Projekt von vielen
Der rund 60 Meter lange Mauerrest an der Berliner Straße ist der letzte erhaltene bauliche Überrest des ehemaligen Konzentrationslagers. Bürgerinnen und Bürger hatten sich dafür eingesetzt, diesen historischen Ort angemessen zu gestalten und die Erinnerung an die Menschen wachzuhalten, die hier zwischen 1933 und 1934 inhaftiert, misshandelt und getötet wurden. Einen wichtigen politischen Schritt gab es im Jahr 2020: Mit großer Mehrheit stimmte die Oranienburger Stadtverordnetenversammlung für den Antrag, den Erinnerungsort neu zu gestalten. In den folgenden Jahren entwickelte die Stadt Oranienburg gemeinsam mit der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten das Konzept und setzte die bauliche und inhaltliche Neugestaltung um.
Gefördert durch den Bund
Das Gesamtbudget für das Projekt betrug rund 425.000 Euro. Gefördert wurde das Vorhaben mit rund 283.000 Euro durch das Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen im Rahmen des Programms „Förderung von Investitionen in nationale Projekte des Städtebaus“. Oranienburg hatte sich im Zuge des Projektaufrufs 2024 gegen mehr als 100 Bewerbungen durchgesetzt und wurde als eine von deutschlandweit 17 Städten für eine Förderung ausgewählt. Mit der Einweihung am 2. November ist der Erinnerungsort KZ Oranienburg nun fertiggestellt und dauerhaft für die Öffentlichkeit zugänglich. Der Erinnerungsort wurde von Martin Bennis (Architektur), Weidner Händle Atelier (Grafik) und Ralph Gabriel (Recherche und Texte) gestaltet. Die wissenschaftliche Leitung hatte Agnes Ohm (Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen).
Stimmen anlässlich der Einweihung des neuen Gedenkortes:
Bürgermeisterin Jennifer Collin-Feeder:
„Mit der Einweihung findet ein langer Weg einen wichtigen Abschluss. Zugleich beginnt die Geschichte dieses Ortes als Erinnerungsort neu. Er zeigt mitten in unserer Stadt, was hier vor mehr als 90 Jahren geschehen ist. Er erinnert an die Menschen, die hier verfolgt, entrechtet und ermordet wurden, und macht deutlich, dass die Auseinandersetzung mit unserer Geschichte eine dauerhafte Verantwortung bleibt. Dass dieser Ort heute in dieser Form eröffnet werden konnte, ist auch dem langjährigen Engagement vieler Oranienburgerinnen und Oranienburger zu verdanken. Dafür bin ich sehr dankbar.“
Dr. Dietmar Woidke, Ministerpräsident des Landes Brandenburg:
„Lange Zeit war an diesem Ort kaum sichtbar, was hier geschehen ist. Nur wenige Meter entfernt errichtete das NS-Regime im März 1933 das erste Konzentrationslager Preußens - mitten in der Stadt, vor den Augen aller. Wir gedenken heute der mehr als 3.000 Menschen, die an diesem Ort interniert, misshandelt und gepeinigt wurden. Dass diese historischen Spuren nicht in Vergessenheit geraten sind, haben wir einer engagierten Stadtgesellschaft zu verdanken. Mit der Neugestaltung dieses Erinnerungsortes setzen die Oranienburgerinnen und Oranienburger ein unübersehbares Zeichen gegen das Vergessen. Dafür danke ich von ganzem Herzen.“
Sabine Poschmann, parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen:
„Mit der neuen Außenausstellung am Erinnerungsort KZ Oranienburg eröffnen wir einen Ort, der weit mehr ist als ein Ort des Rückblicks. Er ist ein Ort der Verantwortung. Ein Ort der Bildung. Ein Ort für die Gegenwart und für die Zukunft unserer Demokratie. Durch die Neugestaltung wird das Gedenken nun sehr viel deutlicher lesbar. Bilder, Texte und historische Informationen machen die Geschichte des Lagers und das Schicksal seiner Gefangenen für Besucherinnen und Besucher zugänglich. Dass der Bund dieses Vorhaben im Rahmen des Programms „Nationale Projekte des Städtebaus" gefördert hat, ist Ausdruck der besonderen Bedeutung, die wir diesem Ort beimessen. Mit der Bundesförderung unterstützen wir zum einen die bauliche und gestalterische Aufwertung des historischen Ortes und die städtisch-räumliche Anbindung. Der Erinnerungsort KZ Oranienburg ist ein wichtiger Ort, von der Stadtgesellschaft für die Stadtgesellschaft.“
Prof. Dr. Axel Drecoll, Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten und Leiter der Gedenkstätte und des Museums Sachsenhausen:
„Schon kurz nach der Einrichtung des Konzentrationslagers durch die regionale SA-Standarte im März 1933 wurde das Wort ‚Oranienburg‘ international zum Synonym für den Terror, den die Nationalsozialisten unmittelbar nach der Machtergreifung entfalteten. Die frühen Konzentrationslager zeigen, dass diese Haftstätten der Nationalsozialisten von Anfang an rechtsfreie Räume für ungehemmten Terror, Gewalt und Mord waren. Was hier begann, endete in Sachsenhausen und Auschwitz. Mit dem neuen Erinnerungsort und der Freiluft-Ausstellung werden der historische Ort und die Geschichte des KZ Oranienburg wieder sichtbar gemacht. Wir danken allen, die dieses Projekt ermöglicht und realisiert haben, dafür, dass es nun im Zentrum der Stadt einen Ort gib, der Einheimische und Gäste dazu einlädt, sich mit diesem Kapitel der Stadtgeschichte auseinanderzusetzen.“
Prof. Dr. Heike Wagner, Präsidentin der Hochschule der Polizei des Landes Brandenburg:
„Dieser Erinnerungsort wird für unsere Studierenden und Auszubildenden ein lebendiges Klassenzimmer sein. Er wird sie täglich daran erinnern, warum sie diesen Beruf ergriffen haben: Um die Freiheit unserer Demokratie zu schützen, um die Rechte der Bürgerinnen und Bürger zu verteidigen und um dafür zu sorgen, dass sich die Schrecken der Vergangenheit niemals wiederholen.“
Björn Lüttmann, Mitglied des Landtages Brandenburg und Initiator der Arbeitsgruppe „Gedenkort ehemaliges KZ Oranienburg“:
„Den historisch bedeutsamen Ort im Stadtbild erlebbar machen, die Auseinandersetzung mit der Stadtgeschichte fördern und die Schicksale der Menschen sichtbar machen, die im Nationalsozialismus verfolgt und ermordet wurden: Das war mein Anspruch und der vieler Unterstützerinnen und Unterstützer der Neugestaltung in unserer Arbeitsgruppe. Mehr als sechs Jahre vergingen von der ersten Idee bis zur Einweihung. Eine lange Zeit, aber es hat sich gelohnt: Entstanden ist ein Gemeinschaftsprojekt von Stadt, Land und Bund, das zeigt, was bürgerschaftliches Engagement bewirken kann. Ich danke allen, die dieses Projekt möglich gemacht haben. Ich wünsche mir nun, dass die Oranienburgerinnen und Oranienburger, Schulklassen und Gäste aus aller Welt diesen Ort völlig neu entdecken.“
Hintergrund KZ Oranienburg
Das KZ Sachsenhausen war nicht das erste Konzentrationslager im Stadtgebiet von Oranienburg. Bereits 1933 wurde das KZ Oranienburg als erstes Konzentrationslager seiner Art in Preußen eingerichtet. Auf dem Gelände einer früheren Brauerei an der Berliner Straße wurden vor allem politische Gegner des NS-Regimes, insbesondere Kommunisten und Sozialdemokraten, aber auch jüdische Gefangene inhaftiert. Die Nationalsozialisten nutzten das Lager zugleich als Propagandastandort. Besucherinnen und Besuchern aus dem In- und Ausland sollten vermeintlich „mustergültige“ Haftbedingungen präsentiert werden. Hinter dieser Inszenierung standen Terror, Gewalt und Entrechtung. Das KZ Oranienburg bestand bis Anfang Juli 1934. Rund 3.000 Menschen waren dort inhaftiert, mindestens 16 Häftlinge kamen ums Leben. Nach der Schließung des Lagers entstand mit dem KZ Sachsenhausen 1936 ein neues Konzentrationslager im Norden der Stadt.


